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Sunday, September 05, 2010

Schuster bleib bei Deinen Leisten - Stendhal und die Kryptografie

Was haben der französische Autor Henri Beyle aka Stendhal und Kryptografie miteinander zu tun, wird sich der geneigte Leser fragen. Die Antwort darauf liegt in Stendhals großen Roman 'Die Kartause von Parma', die ich dieses Jahr als Urlaubslektüre ausgewählt hatte (und hier im biblionomicon rezensiert habe). Darin geht es um den jungen Helden Fabrizio, der aufgrund eines unbeabsichtigten Duells mit Todesfolge in die berüchtigte Zitadelle von Parma gesteckt wird, aus der noch nie jemand entfliehen konnte. Sie erhebt sich als gewaltiger Turm, der Engelsburg in Rom nachempfunden, auf deren Plateau sich Fabrizios Gefängniszelle befindet. Fabrizio liebt Clelia, die Tochter des kommandierenden Generals der Festung, und kommuniziert mit ihr via 'optischer Telegrafie'. Dies allerdings auf denkbar einfachste Weise, indem Seiten aus einem Buch mit jeweils einem großen Buchstaben des Alphabets versehen werden und diese nacheinander an einem Fenster präsentiert werden.

So weit so gut... das hat ja noch nichts mit Verschlüsselung zu tun. Fabrizios Freunde außerhalb der Festung hecken einen Fluchtplan aus und müssen daher mit ihm unerkannt kommunizieren. Dies gelingt ihnen nachts mit Hilfe von Lichtzeichen - also wieder 'optische Telegrafie', die allerdings verschlüsselt werden muss, damit niemand hinter ihre Pläne kommt. In der ersten, noch unverschlüsselten Version, entspricht dabei jeder Buchstabe einer Leuchtzeichenfolge entsprechend seiner Position im Alphabet, also 'a' einmal leuchten, 'b' zweimal leuchten, usw.

Für die eigentliche Verschlüsselung wird Fabrizio ein Brief in seine Zelle geschmuggelt. Allerdings enthält dieser nicht nur den Fluchtplan im Klartext sondern auch noch den vollständigen Schlüssel (für eine einfache Substitutionschiffre) für die zukünftige Lichtzeichenkommunikation. Der Schlüssel alleine wäre doch schon gefährlich genug gewesen. Ich frage mich, wenn schon der Fluchtplan im Detail mitgeteilt wird, wozu braucht es dann noch einen Schlüssel. Würde der Brief kompromitiert werden, wäre alles verloren...

Allerdings klärt uns der Anhang des Buches darüber auf, dass Stendhal in seiner Funktion als französischer Konsul von Civitavecchia ein ähnlicher Lapsus im Zuge seiner Amtsgeschäfte unterlaufen wäre. In einem verschlüsselten Brief an den französischen Außenminister fügte er 1835 im Klartext noch den kompletten Schlüssel hinzu und schickte beide Nachrichten gemeinsam in einem Brief. Das ist ein absoluter Anfängerfehler und Stendhal wurde völlig zurecht dafür offiziell vom Außenminister gerügt.

Schön ist die Episode aber als literarisches Kryptografiebeispiel, das ich gerne auch in einer meiner Vorlesungen aufgreifen werde. Neben Edgar Allan Poes 'Goldkäfer' und Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes Episode 'Das Musgrave Ritual', ein weiteres Beispiel für den Einsatz von Kryptografie, um die Spannung in einem Roman zu erhöhen.

Monday, September 24, 2007

XML-Tage 2007 in Berlin, 24.09.2007 - Tag 1

Die kommenden zwei Tage werde ich mich auf den XML-Tagen 2007 in Berlin aufhalten und täglich live aus dem wissenschaftlichen Programm hier aus dem historischen Hauptgebäude Unter den Linden berichten. Wobei....der Tag fängt ja schon gut an, ich komme -- natürlich -- etwas später, verpasse die Begrüßung, den ersten eingeladenen Redner und die erste Vormittagssession und komme gerade rechtzeitig zur Kaffeepause um 11 Uhr. Hier hoffe ich Rico zu treffen, der unser Paper 'Maariwa - Ontologie-basiertes Web-Publishing mit einem Semantic Wiki' am Nachmittag vorstellen wird....

Na perfekt, das wissenschaftliche Programm macht erst einmal von 11 Uhr bis 13.30 Uhr Pause....und Rico ist noch gar nicht da, sondern übt seinen Vortrag -- hat aber versprochen, bis 15 Uhr hier zu sein. Naja...MIttagessen gibt es dann im 'Cum Laude' und dann werde ich mal sehen, ob sich hier irgendetwas interessantes bis zum frühen Nachmittag abspielen wird....

O.k., ich hab doch noch eine 'sinnvolle' Beschäftigung gefunden. Im Senatssaal findet eine Podiumsdiskussion zum Thema 'Wachstum durch Cluster' statt. Hans Peter Hiepe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Dr. Joachim Quantz und Reiner Thiem von xmlcity:berlin, Dr. Carsten Rudolph von Microsoft und Prof. Jochen Schiller, Vizepräsident der FU Berlin. Nach einer kurzen Einleitung und Vorstellung der Teilnehmer durch Herrn Thiem äußern sich zunächst alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema 'Innovationsförderung'. Obwohl -- so Prof. Schiller -- an den deutschen Hochschulen verstärkt gegründet wird (insbesondere auch an der FU Berlin), geht -- so Dr. Rudolph -- die Anzahl der Firmengründungen an Universitäten insgesamt zurück. Herr Hiepe kritisiert die an den Hochschulen übliche Praxis, Gründungsinitiativen -- wie das durch ihn initiierte EXIST Programm (von dem ja auch OSOTIS profitiert hat) -- zu sehr wie ein akademischer Aufgabenkatalog im Rahmen einer Art Weiterqualifizierung abgehandelt werden. Kritik an den Existenzgründungsinitiativen und Programmen wird am jeweils zu starren zeitlichen Rahmen geäußert, den diese unterliegen. Das EXIST-SEED Programm fördert -- ohne anschließende Evaluation -- jedes Projekt, das sich dafür qualifiziert für genau ein Jahr. Wie sich das zu gründende Unternehmen danach finanziert, darum muss sich das Unternehmen selbst kümmern. Leider gibt es viele Projekte, die weitere 6 Monate Entwicklungsarbeit benötigen, die leider nicht weitergefördert werden können. Hier wäre auch meiner Meinung nach Bedarf, nach einer entsprechenden Evaluation die Möglichkeit einer Weiterförderung einzuräumen.

So...leider herrschte im lokalen WLAN seit dem M ittagessen Funkstille....soviel zum Thema Live-Blogging. Nun ja....hier also mein Bericht von unserem Nachmitteg:

Lutz Suhrbier (FU Berlin) 'Vertrauenswürdige Aussagen im Semantic Web'
Vertrauen ist -- laut Niklas Luhman - nichts anderes als eine Art Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Man leistet eine Art 'riskante Vorleistung' als potentiell unsichere Investition in die Zukunft. Nachdem dieser Begriff geklärt wäre, benötigt man für das Thema noch das 'Semantic Web' (als Anwendungsraum) und die 'Inferenz' oder das 'Reasoning', dass uns in die Lage versetzt, aus vorhandener Information neue Information zu schließen. Das eigentliche Problem reduziert sich dann darauf, wie eine Absicherung der im Semantic Web befindlichen Aussagen getroffen werden kann -- und welche Auswirkungen hat dies auf die Verlässlichkeit von daraus hergeleiteten Aussagen?
Lösungsansätze sollten dabei Autorenbezogen sein. Dazu muss als erstes zweifelsfrei zugeordnet werden können, Aussage X ist von Autor Y getroffen worden. Das ist nur möglich, wenn jede Aussage (und jeder Autor) einen persistenten Bezeichner (also z.B. einen URN) besitzt. Daraufhin hat dann auch jeder Benutzer Z die Möglichkeit, eine von Y getroffene Aussage zu bestätigen oder nicht. Zudem kann eine Aussage auch von einer über jeglichen Zweifel erhabenen Instanz (also einer Art 'Trust-Center') beglaubigt werden. Darauf aufbauend wurde ein Konzept einer 'Trusted Semantic Web Infrastructure' inklusive 'Semantic Web Zertifizierungsstelle' und 'RDF-Zertifikaten' vorgestellt....allerdings eben nur als Konzept und nicht im Sinne einer konkreten Implementation. Also....irgendwie war mir das alles bereits bekannt bzw. war die Übertragung auf das Semantic Web 'straightforward'.

Um 15 Uhr sollte ja eigentlich Ricos Vortrag starten -- nur fand sich kein Session-Chair. Also wurde gut 10 Minuten gewartet und daraufhin eröffneten wir als Teilnehmer die Sitzung kurzerhand selbst. Rico stellt dabei das Ergebnis seiner Diplomarbeit -- eine SemanticWiki-Implementierung mit Namen 'Maariwa' vor. Nach einer Analyse bereits vorhandener Ansätze wurde nach den Schlüsselkriterien gesucht, die einen guten Kompromiss zwischen semantischer Ausdrucksstärke und Benutzbarkeit (auch und vor allem durch Nicht-Experten) ausmachen. Das Ergebnis ist eine graphische Benutzeroberfläche (keine eigene Wiki-Sprache), entsprechende Import-/Export-möglichkeiten, und eine möglichst einfache - wobei aber durchaus semantisch ausdrucksstarke Abfragesprache, um 'Wissen' aus dem SemanticWiki herauszuziehen.

Im Anschluss trägt Stefan Thalmann von der Universität Innsbruck zum Thema 'Kollaboratives Tagging zur inhaltlichen Beschreibung von Lern- und Wissensressourcen' vor. Zunächst wird auf die unterschidlichen Varianten der Metadatengenerierung eingegangen. Während subjektive Metadaten wie Schlagworte oder Bewertungen nur schwierig oder gar nicht auf automatische Weise zu gewinnen sind, lassen sich objektive Metadaten (Charakteristika) relativ einfach automatisch gewinnen. Danach wird auf das 'Tagging' eingegangen. Allerdings unterscheidet Thalbach lediglich zwischen allgemein anerkannten 'objektiven' Tags und persönlichen 'subjektiven' Tags und verzichtet auf eine weitere Untergliederung in objektive und funktionale Tags, wobei hier objektive Tags inhärente Eigenschaften und Charakteristika der Ressource kennzeichnen, während funktionale Tags stets in einem speziellen Kontext stehen. Eine nachfolgende Studie, in der Studierende mit Taggingaufgaben betraut wurden, brachte meines Erachtens aber auch keine bahnbrechenden neuen Erkentnisse.

So...kurze Nachbesprechung/Maneuverkritik mit Rico, E-Mails beantworten (da das Netz wieder funktioniert, Bloggen, und warten auf das 'Networking am Buffet'...
Apropos Buffet: dieses war zwar recht lecker (immerhin gabe es guten Wein und ein leckeres kaltes Buffet), aber mit dem Networking haperte es dann doch, da vielleicht höchstens 20-30 Leute vom heutigen Tag übrig geblieben waren. Insgesamt hatte ich auch den Eindruck, dass die Teilnahme gegenüber letztem Jahr diesmal sehr gering ausfiel.

Tuesday, June 19, 2007

SkypeCast zum 3. Online-Roundtable “Vorlesung 2.0 - gebloggt, getaggt, getwittert” - ...jetzt aber


Endlich hat es doch geklappt, mit dem SkypeCast zum 3. Online-Roundtable zum Thema "Vorlesung 2.0: gebloggt, getaggt, getwittert”. Leider hatten die vorangegangenen technischen Probleme doch die meisten Studenten 'verschreckt', aber die Diskussion gestern abend geriet doch recht interessant. (Hier gibt es den Audio-Mitschnitt zum SkypeCast).
Für mich natürlich Ansporn, auch im kommenden Wintersemester (diesmal am HPI in Potsdam) auf Web2.0-Technologien im Vorlesungsbetrieb zu setzen...und das nicht nur zur ergänzenden Information sondern vor allem auch, um Interaktivität und Kommunikation in und außerhalb der Vorlesung zu fördern. Hier einige der angesprochenen Möglichkeiten:

  • Durchführung einer freiwilligen Einführungsveranstaltung (Praktikum), bei der vor allem auch die Studenten (in einem möglichst freien Rahmen) ihren Komillitonen verschiedene Web2.0-Technologien vorstellen und deren Vor-/Nachteile und Einsatzmöglichkeiten (vor allem auch diejenigen, an die der Dozent nicht in erster Linie denkt) vorstellen.

  • Vorlesungsmitschrift mal anders: Die Vorlesungsmitschrift als eine Art Protokoll gemeinschaftlich im Rahmen eines Wikis (oder Blogs) entwickeln mit Beiträgen der Studierenden als auch mit Beiträgen des Dozenten.

  • ...


Interessant wäre eine Folgeveranstaltung im zeitlichen Abstand von etwa einem halben Jahr, in dem wir wieder unsere (neuen) Erfahrungen austauschen könnten. Steffen hat zu diesem Zusammenhang angeregt, doch mal ein Barcamp zum Thema 'Vorlesung 2.0' zu organisieren.....also ich wär dabei ;-)

Friday, June 15, 2007

2. tele-TASK Symposium - "Vom e-Learning in der Schule bis zur Web-Uni", 14./15. Juni 2007, Potsdam - Tag 2


Der zweite Tag des tele-TASK Symposiums amd HPI Potsdam startete mit einigen Erfahrungsberichten des Einsatzes von e-Learning Systemen an Schulen und Hochschulen. Heinrich Blana und Hubert Simon vom Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg berichteten von 'E-Learning im MINT-Bereich des Gymnasiums - Möglichkeiten und Grenzen". Serge Linckels (nicht als Doktorand am HPI sondern als Lehrer am LTE-Luxembourg) berichtete vom Stand des 'E-Learning in Luxemburg', gefolgt von Birgit Gaiser vom Knowledge Media Research Center in Tübingen, die über 'Transparenz durch Web-Präsenz - E-Teaching Angebote deutscher Hochschulen' vortrug.

In der daran anschließenden Infrastruktur-Session sprach als erster Referent Djamschid Tavangarian von der Universität Rostock 'Vom mobilen zum pervasiven Lernen'. Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Argumentation, dass eine Voraussetzung für pervasives Lernen die Selbstorganisation darstellt. Selbstorganisation als Bestandteil des pervasiven Lernens (Evolution des Lernens) basierend auf Service-orientierten Architekturen (SOA). Nachdem an der FSU Jena über selbstorganisierte System im Katastropheneinsatz diskutiert wurde, finde ich dieses Anwendungsgebiet natürlich besonders spannend und bin gespannt, ob ich unsere Aktivitäten vielleicht auch in diese Richtung lenken kann...

Daniel Dahl von der Universität Münster gibt in seinem Vortrag 'Von der Lerninhalte-Distribution bis zur Computergestützten Abschlussprüfung' 'eine Übersicht über die an der Universität Münster eingesetzten e_Learning-Plattformen. Interessant dabei ist das Web 2.0 basierte e-Learning-Tool 'Learnr', in dem Lernunterlagen von den Benutzern mit Schlagworten und Kommentaren getagged werden können. Also e-learning 2.0 oder (etwas weniger griffig) Community-driven Learning.

Im abschließenden Vortrag stellt Sabine Rathmayer von der TU München das integrative eLearning-Projekt elecTUM in ihrem Vortrag 'elecTUM - Aufbau einer integrierten eLearning Infrastruktur...' vor.

2. tele-TASK Symposium - "Vom e-Learning in der Schule bis zur Web-Uni", 14./15. Juni 2007, Potsdam


I'm spending two days again in Potsdam at HPI (Hasso-Plattner-Institute) for a symposium on e-learning. The symposium is subtitled with 'from e-learning in school to the web university' with presentations ranging from semantic technology in e-learning research to experiences and studies of e-learning deployment in school and university. The oficial language of the symposium is German, so please forgive me for switching to German for my comments on the presentations and the symposium in general.....

Potsdam...endlich mal wieder bin ich hier am HPI. Mein letzter Arbeitstag hier liegt jetzt schon fast zwei Monate zurück, aber als ich 'mein' altes Büro betrat, hatte ich da Gefühl, als wäre ich überhaupt nicht fort gewesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich aus Jena jetzt ganz schön verwöhnt bin, was die (am HPI nicht vorhandene) Klimatisierung betrifft :)
Aber kommen wir zum eigentlichen Anlass meines Besuchs: Das 2. tele-TASK Symposium mit dem Thema "Vom E-Learning in der Schule zur Web-Uni". Das Publikum besteht wohl hauptsächlich aus Anwendern, d.h. Lehrern und Didaktikern und weniger aus Forschern und Entwicklern, aber nichts desto trotz verspricht das Programm interessant zu werden.

Der erste Tag begann mit einer kurzen Begrüßung des Instiutsleiters Prof. Christoph Meinel und der Vorstellung des Konzepts (und Forschungsschwerpunkts) der WebUniversity. Im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes wurden im Anschluss einzelne Projektschwerpunkte vorgestellt, darunter 'tele-TASK goes mobile" mit der Möglichkeit, Vorlesungsaufzeichnungen im podcast-Verfahren für den iPod bereitzustellen, "MaTes" - eine Art personalisierter e-Learning Schnittstelle für Schüler (siehe auch hier), eingesetzt im Mathematikuntericht (hier speziell zum Erlernen des Bruchrechnens) in der vierten Klasse. Im Rahmen dieses Projekts produzierten die Schüler selbst eigene kurze Lerneinheiten - aufgezeichnet auf Video - in denen sie ihren Klassenkameraden einzelne Aspekte des Bruchrechnens erklären und in eigener Regie beibringen sollten. Im Anschluss an die Produktion der einzelnen Lerneinheiten wurden diese im Schulunterricht eingesetzt, wobei der Lehrer lediglich als Moderator/Coach/Systemadministrator in das Geschehen eingriff. Interessantes Ergebnis dabei war eine (zwar schwache, aber dennoch) qualitative Verbesserung der von den Schülern erreichten Noten. Ob diese Verbesserung nun speziell auf das eingesetzte e-Learning oder aber lediglich auf die generelle Veränderung der Lernsituation (Stichwort: "wenn der Lehrer in der Badehose zum Unterricht erscheint, steigt die Aufmerksamkeit der Schüler...") blieb kontrovers diskutiert.

Das nächste vorgestellte Projekt 'tele-LAB' behandelt eine Laborumgebung (siehe auch hier, die ein praktisches Training zum Thema Internet-Security gestattet. Dem Lernenden wird dabei eine virtueller Rechnerumgebung zur Verfügung gestellt, auf der Aspekte der Internet-Security (vom Scannen der Schwachstellen eines Hosts bis hin zu aktiven Angriffen und deren Abwehrmöglichkeiten) praktisch und ohne Gefahr (...für alle Beteiligten) getestet werden können.

Nach einer Demo-Session, in dem im Foyer die einzelnen Projekte auf Herz und Nieren geprüft und hinterfragt werden konnten, folgte eine Session zum Thema 'Semantic Web - Erschließung von multimedialen Inhalten', beginnend mit meinem Vortrag zur unserer Videosuchmaschine OSOTIS und der in diesem Zusammenhang eingesetzten Technologie (hier gibt es die Handouts zur Präsentation). Unsere Videosuchmaschine wächst und "gedeiht", d.h. wir werden in den nächsten Tagen das 2000. Video einstellen, es haben sich annähernd 500 Nutzer angemeldet und die Verfahren zur automatischen synchronen Annotation werden fortlaufend verbessert. Die Besonderheit von OSOTIS besteht darin, nicht nur NACH Videoauzeichnungen suchen zu können, sondern IN Videoaufzeichnungen zu suchen. Bei Eingabe eines Suchwortes wird der Nutzer direkt an die betreffende Stelle in einer resultierenden Videoaufzeichnung geführt und kann diese nutzen, ohne diese selbst erst innerhalb einer Videoaufzeichnung suchen zu müssen.

Im Anschluss daran, präsentierte Siegfried Handschuh vom DERI Galway das Projekt 'Semantic Desktop', das sich zum Ziel gesetzt hat, das Semantic Web auf den eigenen Desktop bringen, d.h. die Daten der unterschiedlichsten Desktopanwendungen (von der E-Mail, über den Notizblock, den Kalender, das Filesystem, usw.) alle gemeinsam zu integrieren und nutzbar zu machen. Besonders interessant dabei ist die Tatsache, dass einer der beteiligten Projektpartner ein Linux-Distributor ist. Daher können die erzielten Ergebnisse sofort im Rahmen einer neuen Linux-Distribution eingesetzt
werden und gelangen direkt (und auf schnellstem Wege) zum Endanwender.

Der letzte Vortrag des Tages von Andreas Rasche (HPI-Potsdam) behandelte die virtuelle Experiment- und Testumgebung 'Distributed Control Lab'. Eingebettet in ein 'transnationales' europäisches Netzwerk erlaubt die virtuelle Experimentierumgebung das Durchführen von entfernten und verteilten Experimenten (die in der realen Welt stattfinden und über die virtuelle Experimentierumgebung gesteuert und überwacht werden können).

Der Tag endete mit einem Conference Dinner im Hotel Griebnitzsee, gleich neben dem HPI. Der Wein war exzellent (2006er Trierer Hohe Domkirche, Riesling Spätlese Trocken...würzig, wenig frucht und säure, aber rund und sehr lecker!! ), ebenso wie das mehrgängige Menu. Einziger Wermutstropfen waren die 'versalzenen' Erdbeeren. Die Küche hatte doch glatt den Zucker- mit dem Salztiegel verwechselt - und so war das Erdbeerparfait leider, leider versalzen (...da half auch nicht die Beteuerung des Kellners, dass es sich bei den 'gewürzten' Erdbeeren um einen 'neuen Trend' in der Küche handeln würde...).

Tuesday, May 08, 2007

J.D. Salinger - Neun Erzählungen

J.D. Salinger ist sicherlich nicht nur für mich ein ganz besonderer Erzähler. Wie viele andere auch, habe ich seinen großen Roman "Der Fänger im Roggen" bereits in der Schule gelesen. Nicht, weil wir diesen im Englischunterricht lesen mussten, sondern weil mich die Erzählungen meiner Bekannten aus dem Englisch-LK (man stelle sich vor, ich konnte Englisch als Fremdsprache abwählen und habe Latein als Abiturfach gewählt...) irgendwie neugierig darauf gemacht hatten. Natürlich habe ich mich damals mit meinen beschränkten Englischkenntnissen (sic!) nicht an die Originalausgabee gewagt, sondern hatte mit der Böll-Übersetzung Vorlieb nehmen müssen (ohne zu wissen, dass die Übersetzung von Heinrich Böll war). Trotz aller Schwächen der deutschen Übersetzung hat mich der Roman damals fasziniert, glaubte ich doch in diesem Roman erkannt zu haben, was es ausmacht, eine gute Geschichte zu schreiben (zumindest damals und in meinen Augen...). Irgendwie passiert ja auch nicht wirklich etwas in diesem Roman, der ja eigentlich auch nur eine auf Romanlänge aufgeblasene Kurzgeschichte ist.

Holden Caufield, der "zerbrechlich" wirkende und stets altklug daherredende Held dieser Geschichte aus den 50er Jahren ist aus dem Internat herausgeflogen und vorzeitig - es ist bald Weihnachten - auf dem Weg nach Hause nach New York - ohne natürlich gesteigerten Wert darauf zu legen, in die offenen Arme seiner Eltern zu laufen. Aber das ganze ist ja eigentlich nur ein Rahmen für viele kleine Erzählungen....alles Erzählungen, die von "verpassten" Gelegenheiten und Chancen erzählen. Immer wieder gerät Caufield in eine vielversprechende, entscheidende Situation und das "was-wäre-wenn" geht auf der einen Seite dem Romanhelden und auf der anderen Seite natürlich auch dem Leser durch den Kopf....ohne dass der Romanheld die ihm gebotene Gelegenheit, der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben, jemals ergreifen würde. So ist der Leser irgendwie enttäuscht, aber auf der anderen Seite fühlt man sich gekitzelt oder vielmehr angestachelt, um zu sehen, welche Möglichkeiten die nächste Situation birgt, in der Salinger seinen Helden geraten lässt, und ob er diesmal nicht vielleicht doch etwas daraus macht....

Etwas anders ist es in diesem Band mit 9 frühen Kurzgeschichten Salingers (allesamt erschienen vor dem 'Fänger im Roggen'), in der er auch viel Biographisches verarbeitet. Wie üblich passiert in den Geschichten auch nicht wirklich etwas. Aber es ist diese Atmosphäre... Stets schafft es Salinger, eine Art Melancholie über Allem schweben zu lassen. Es kommt gar nicht darauf an, was seine Figuren tatsächlich tun und wie sie agieren. Vielmehr sind es die Dialoge bzw. die inneren Monologe, die seine Figuren führen und die sie so besonders machen. Die Nebensächlichkeiten, die in diesen kurzen Episoden zur Hauptsache werden, die fragile Verletzlichkeit der Figuren, das Sich-verlieren in Oberflächlichkeiten, die doch so vieles bedeuten....Ähnliches kennt man aus den Kurzgeschichten von Raymond Carver, der sich Salinger sicherlich auch als Vorbild genommen hatte (besonders zu empfehlen ist die Kurzgeschichtensammlung 'What We Talk about When We Talk about Love').

Die meisten Geschichten von Salinger haben etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Die Spannung, die sich aus dieser Potentialdifferenz ergibt, wenn die handelnde Figur auf der Schwelle zwischen beiden Welten steht, das Erkennen, dass die Lüge einen Stellenwert in der Welt der Erwachsenen besitzt, vor der man nur als Kind gefeit zu sein scheint....

So ist erste Geschichte "A perfect day for banana-fish" des vorliegenden Buches eine besonders düstere und bizarre Geschichte. Eine der ersten Geschichte, die Salinger 1948 im "New Yorker" veröffentlicht hat und die ihn über Nacht bekannt machte. Der Protagonist der Geschichte ist ein scheinbar etwas verwirrter Kriegsveteran, freundet sich im Urlaub mit einem kleinen Mädchen an und erzählt ihr am Strand eine Geschichte von Bananenfischen. Dann geht er zurück auf sein Hotelzimmer, legt sich zu seiner schlafenden Frau ins Bett und jagt sich eine Kugel in den Kopf....

Salinger bleibt, obwohl er als einer der meistgelesenen (und meistinterpretierten) amerikanischen Autoren gilt, ein ungewöhnlicher, irgendwie nicht greifbarer Charakter. Er nahm an einigen der heftigsten Schlachten des 2. Weltkriegs teil, so etwa bei der Landung der Aliierten in der Normandie oder auch in den Ardennen. Tatsächlich war er auch selbst aufgrund eines Kriegstraumas kurzzeitig in Behandlung. Während seiner Zeit in Europa traf er auf Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter teilnahm und Salinger eine "außerordentliche Begabung" bescheinigte. 1965 veröffentlichte Salinger seine letzte Erzählung -- insgesamt hat er neben dem "Fänger Im Roggen" lediglich knapp über 30 Kurzgeschichten veröffentlicht. Seither lebt er zurückgezogen und die ganze Welt wartete immer wieder auf einen neuen "großen Wurf"....der wohl nicht mehr kommen wird.

siehe auch:
Georg Dietz: Hinaus ins Leben - Alle reden über Salingers 'Fänger im Roggen', dabei ist sein Roman 'Franny und Zooey' viel schöner..., Die ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13.

Tuesday, April 24, 2007

Marina Lewycka - Die kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch


Ich bin jetzt schon zwei Bücher im Rückstand, was meine Rezensionen angeht...und bevor ich noch vergesse, was ich zu diesem Buch schreiben wollte, wird es jetzt höchste Zeit....
Wann bin ich zum ersten mal auf das Werk gestoßen? Ich glaube, es war in der S-Bahn (S7) vom Berliner Hauptbahnhof nach Potsdam im vergangenen September. Ich las meine ZEIT und mir fiel dieses Buch mit dem interessanten Cover mit dem "Kartoffeldruck-Traktor" (oder doch eher sozialistisches Propagandaplakat?) auf, das eine Frau mir gegenüber gerade interessiert las. Und dann natürlich der Titel "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"...Als erstes musste ich an "Eine kurze Geschichte der Zeit" und meine eigene "kurze Geschichte des Internets" (im WWW-Buch) denken, aber der Zweifel, worum es sich bei diesem Buch wohl handeln könnte, lies mir keine Ruhe mehr. Wieder zu Hause in Weimar beim nächsten Besuch der Buchhandlung (ja, auch ich nehme Bücher noch gerne in die Hand, blättere darin und lese an irgendeiner beliebigen Stelle quer....ich brauche einfach dieses 'haptische Erlebnis'...) las ich mir dann den Klappentext durch, der irgendwie alles andere versprach, als ich mir eigentlich vorgestellt hatte....

"Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" ist eigentlich Nikolais Projekt, in das er sich flüchtet, als alles den Bach hinunterzugehen droht. Nikolai stammt aus der Ukraine und ist nach dem Krieg mit seiner Familie nach England und in ein besseres Leben ausgewandert. Jetzt ist hat sich der 84-jährige Wittwer in den Kopf gesetzt, eine gut 50 Jahre jüngere blonde ukrainische "Sexbombe" aus ihrem Elend heraus aus der postkommunistischen, von Korruption und Unsicherheit geprägten Ukraine durch Heirat zu "erretten". Klar, dass das seinen beiden Töchtern -- der "Trozkistin" Nadja und ihrem Upper-Class Ggenstück Vera -- nicht gefallen wird. Beide hatten sich über das Erbe der Mutter zerstritten und reden nun schon seit Jahren kein Wort mehr miteinander. "Valentina" heißt der gemeinsame Feind und das personifizierte Übel, das es auszutreiben gilt, ....und Nikolai macht auch noch seine letzten Ersparnisse flüssig, um seinem "Täubchen" noch eine Brustvergrößerung zu spendieren.
Soweit, so gut. Wenn es jetzt immer so weiter ginge, hätte Marina Lewycka nichts weiter geschrieben als eine seichte Einwandererkommödie. Aber in Rückblenden wird immer wieder in ein Blick in die Familiengeschichte Nikolais geworfen und damit auch in die zeitgeschichtliche Ukraine: Stalin und der stalinistische Terror, die von ihm herbeigeführte Hungersnot, mit der er sich die Ukrainer gefügsam machen wollte, der zweite Weltkrieg, die Deutschen....
Zwischendurch aber wird es dann wieder bizarr: Valentinas trashiger "Luxus-Geschmack", Nikolais "Toshiba-Äpfel" (Nein, das ist keine neue wohlschmeckende japanische Apfelsortenzucht, sondern der Name hängt mit dem Hersteller von Nikolais Mikrowelle zusammen...), Nikolais (altersbedingte) Probleme mit seiner körpereigenen "Hydraulik", der Versuch der beiden Schwestern Valentinas Einbürgerung mit allen Mitteln zu unterminieren, der an der Unzulänglichkeit der britischen Behörden scheitert. Am Ende bleibt Nikolai auf alle Fälle seine "Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", die ebenfalls mit einigen Skurilitäten aufwarten kann und auf ungeahnte Weise ihren Weg in die Ukraine nimmt....
Insgesamt ein schönes und lesenswertes Buch. Die beschriebenen Situationen geraten mitunter reichlich bizarr (schon wieder...). Die Vorstellungen und Wünsche zweier Einwanderergenerationen könnten unterschiedlicher nicht sein. Um den Kreis wieder zu schließen, für mich ein ideales Buch um die Fahrt in der S-Bahn (S1 Zehlendorf -> S7 Potsdam) etwas kurzweiliger zu gestalten....

Saturday, April 07, 2007

re:publica - Leben im Netz, vom 11. bis 13. April in Berlin


Ich freue mich schon nächste Woche auf das Treffen mit Freunden und Bekannten auf der re:publica in Berlin. Das "Blogger"-Event findet vom 11.-13. April 2007 in der Kalkscheune in Berlin statt und verspricht mit bislang mehr als 300 Anmeldungen und interesanten eingeladenen Vorträgen recht spannend zu werden.
Nicole Simon hat bereits im Vorfeld der re:publica zahlreiche Interviews und Statements mit Teilnehmern und Veranstaltern gesammelt und veröffentlicht diese als PodCast, darunter auch ein Beitrag von Hard Blogging Scientist Jan Schmidt zum Thema Wissenschaftler in der Blogosphäre.
Die Akkreditierung (d.h. der Ticketvorverkauf) hat bereits geschlossen (ich habs mal wieder 'verschwitzt'), aber es gibt noch Tickets an der Tagskasse. Also werde ich am Mittwoch mal vorbeischauen und berichten...
Fast vergessen, die Hard Blogging Scientists richten dort am Freitag, den 13. (ausgerechnet...) um 14.30 Uhr ein Podium/Workshop/Plugin zum Thema 'Wo geht's denn hier in meinen Elfenbeinturm?' aus (also noch ein Tagesticket kaufen...).

Saturday, March 31, 2007

Vom Wandel der informatischen Bildung - Kolloquium zum 25 jährigen Bestehen der Zeitschrift LOG IN


Am 30.03.07 fand in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität ein Kolloquium anläßlich des 25-jährigen Bestehens der Zeitschrift LOG IN statt, zu dem ich eingeladen war. Die Zeitschrift LOG IN beschäftigt sich mit der Informatikausbildung in der Schule und daher stand das Kolloquium unter dem Titel "Vom Wandel der informatischen Bildung".

Aber leider scheinen die Veranstalter selbst noch nicht richtig in unserer heutigen Zeit angekommen zu sein. Warum? Nun, es ist eine Sache, sich darüber zu verbreiten, dass der Informatikausbildung in der Schule zu wenig Raum eingeräumt wird, dass der Lehrplan der allgemein bildenden Schulen Themen in Thüringen wie z.B. 'Die Atmung der Insekten' oder 'Die Ernährung der Hohltiere' durchaus beinhaltet, während andere, heute naheliegende Themen wie 'Wie funktioniert das Internet' oder 'Wie arbeitet ein Computer' nicht darin enthalten sind. Andererseits hätte ich mich natürlich auch über eine Web-Seite zur Veranstaltung, in der die Vortragenden und deren Themen Erwähnung finden, gefreut (bzw. hätte ich dies eigentlich erwartet). Aber weder auf der Web-Seite der Zeitschrift LOG IN (zumindest gibt es eine...) noch auf den Web-Seiten des Veranstalters fand ich hilfreiche Informationen.... (interessanterweise liegt die Einladung zwar auf dem Web-Server, ist aber anscheinend nicht verlinkt....wohl aber im Google-Cache). BTW, das Kolloquium fand im Senatssaal der FSU Jena statt, der neben einem Jugenstilgemälde, das die 9 Musen darstellt (...und von dem es kein Bild weder bei Google noch bei Flickr gibt), auch noch mit einer echte Rodin-Skulptur (Büste der Minerva, Geschenk an die FSU Jena anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den französischen Bildhauer Auguste Rodin) aufwarten kann.

Natürlich habe ich mich über die Einladung selbst sehr gefreut. Besonders interessant für mich war der Vortrag von Prof. Klaus Brunnstein (Präsident der IFIP) über die "frühen Jahre der Schulinformatik" (1972-1982), in dem er auch über die Zeit der Einführung von Informatik als Studienfach an deutschen Hochschulen referierte (natürlich einschließlich interessanter Annekdoten). Zentral war natürlich auch die Frage danach, welchen Zweck die Informatikausbildung in der Schule dienen solle. Immer wieder kamen die Referenten dabei auf die 'informatische Grundbildung' zu sprechen. Alleine die Schüler in die Lage zu versetzen, die Technik zu nutzen ist nicht ausreichend. Vielmehr geht es darum, ein Verständnis von der Funktionsweise der Technik zu entwickeln, um deren Verhalten auch in Extrem- und Gefahrsituationen richtig einschätzen zu können, d.h. neben der Fähigkeit der Nutzung stehen Fragen der 'Beherrschbarkeit', der Risikoabschätzung und möglichst auch der Grenzen der Technik.
Auch der folgende Vortrag, ausgerichtet von den beiden Herren der LOG IN Redaktion (Bernhard Koerber und Ingo-Rüdiger Peters) war sehr unterhaltsam, da Einblicke in die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift gewährt wurden, die jetzt über 25 Jahre lang ehrenamtlich (!) von den beiden herausgegeben wird.
Am Nachmittag berichteten Dr. Wolfgang Pohl über die Geschichte des Bundeswettbewerbs Informatik und Prof. Steffen Friedrich über die Königsteiner Gespräche (zu denen ich leider auch keine Web-Seite finden konnte...).

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Welche Bildung braucht die Informationsgesellschaft", in denen Prof. Winkler (FSU Jena) auch den eingangs zitierten Vergleich des aktuellen thüringer Lehrplans auf den Plan brachte. Interessant auch sein Rückgriff auf die Geschichte der Einführung der naturwissenschaftlichen Fächer in den Schulunterricht. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts fanden Fächer wie Physik und Chemie tatsächlich Einzug in die Curricula der Gymnasien. Aber nicht durch eine entsprechende Erweiterung des damals humanistischen Fächerkanons, sondern durch die Neugründung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien....
Um also der Informatischen Bildung Raum im Lehrplan der allgemeinbildenden Schulen zu verschaffen, bedarf es weniger einer Evolution als vielmehr einer Revolution....

Tuesday, March 27, 2007

Online Umfrage zum IT Gipfel 2006 ....


Mein lieber Kollege Justus Bross möchte eine online Umfrage bzgl. der Einrichtung eines Blog zum IT Gipfel der Bundesregierung (hier auch ein Video-Podcast zum Thema) im vergangenen Jahr vornehmen. Ziel ist dabei die Einrichtung eines 'Gipfelblogs', das -- da unter der Flagge der Bundesregierung -- spezielle Vorkehrungen in Sachen Moderation und redaktionelle Kontrolle beinhalten soll (und über die wir derzeit noch diskutieren).

Daher also hier der Aufruf, sich kurz 10 Minuten Zeit zu nehmen und schnell über den Fragebogen zu gehen. Ihr würdet uns damit sehr helfen.

Hier der Link zum online-Fragebogen
....und für eine Weiterverbreitung wären wir natürlich ebenso sehr dankbar.

...und so geht unser Dank bereits an

ACHTUNG: Besten Dank an alle Teilnehmer und Teilnhmerinnen!!
Wir haben knapp 200 ausgefüllte Fragebögen zurückerhalten und die Aktion beendet.
Sobald die Auswertung abgeschlossen ist, werden wir eine erste Bilanz ziehen.

Wednesday, March 07, 2007

Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt


I have no idea whether this book has been already translated in English. If so, read it! (...it has. I've just looked it up at amazon..the title is Measuring the World)
It's some kind of biography of two of the most outstanding people of the 19th century, Carl Friedrich Gauss and Alexander von Humboldt. But beware...it's some very special kind of biography......(By the way, I've visited the 'Alexander-von-Humboldt Gymnasium in Schweinfurt' and made my Abitur there).
I'll switch to German.
Das Buch war für mich wirklich eine der großen Überraschungen in den Neuerscheinungen des letzten Jahres. Der Gattungsbegriff Biografie trifft es nicht ganz, aber irgendwie natürlich doch. Wir stürzen mitten in die Geschichte, als der bereits betagte Gauss nach Berlin aufbrechen muss, um auf Einladung von Humboldt an einem Kongress teilzunehmen. Eigentlich will er ja gar nicht, vorallem nicht aus dem Bett heraus, aus seinem Haus, aus Göttingen...und überhaupt. Köstlich...vor allem auch der Dialog (eigentlich eher ein Monolog) mit Eugen, seinem seiner Ansicht nach 'missratenem' Sohn. Dazu hat er keine Papiere - die man zur damaligen Zeit für die Reise von Göttingen nach Berlin durchaus benötigte - erzählt dem Polizeibeamten, dass Napoleon seinerzeit sogar auf eine Kanonade Göttingens nur seinetwegen verzichtet hätte...dazu muss sich der Leser die damaligen Verhältnisse in "Deutschland" vor Augen führen. Die herrschenden Fürsten hatten eine Heidenangst vor revolutionären "demokratischen" Umtrieben...und auf Napoleon war man in Deutschland nach dem Wiener Kongress in kaum einem der dazu zählenden 100+x Kleinstaaten allzu gut zu sprechen. Naja...der Polizist muss einen verdächtigen "Turner" (Jawoll....gedenke man doch auch dem "Turnvater" Jahn) verfolgen und beide Gauss gelangen schließlich wohlbehalten nach Berlin, wo sie schon von einem umtriebigen Alexander von Humboldt in Empfang genommen werden. Sehr schön auch die Schilderung, wie man mit Hilfe der noch nicht so recht ausgereiften Erfindung des Herren Daguerre versucht "die Zeit festzuhalten"....
Nun...in diesem Stil wird uns schließlich das Leben der beiden ungleichen Geistesgrößen und Sonderlingen geschildert. Während Gauss sich an die Entdeckung der Mathematik (und schließlich auch der Physik) macht und eine 'innere Welt' bis an ihre Grenzen erforscht, begibt sich Humboldt auf Entdeckungsreise nach Süd- und Mittelamerika, die 'äußere Welt' bis zu ihren Grenzen zu erforschen.
Am Ende bemerken die beiden mittlerweile schon ergrauten Herren, dass sie doch gar nicht so verschieden sind - auch wenn ihr Leben kaum unterschiedlicher hätte sein können.

Ich hab das Buch sehr genossen. Vor allem natürlich, da ich mich durch die geschilderten Eigenarten der beiden Protagonisten an den ein oder anderen hochbegabten (aber doch recht schrulligen) Zeitgenossen erinnert gefühlt habe, der meinen Weg bislang gekreuzt hat...natürlich entdeckt man auch die ein oder andere eigene 'Seltsamkeit' wieder. Ein weiteres Highlight ist für mich Kehlmanns Sprachgewalt. Nein, das Werk ist nichts für den "Wald-und-Wiesen-Gelegenheits-JerryCotton-Leser". Ganz im Gegenteil. Natürlich wirkt die Sprache (ich sage nur "lang lebe der Konjunktiv"!) etwas antiquiert, aber wir befinden uns ja schließlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nicht bei RTL.
Fazit: Ich hab schon lange nicht mehr ein so kurzweiliges und interessantes Buch gelesen. Lesebefehl!

Saturday, January 27, 2007

Stendhal - Rouge et Noir


It seems to be the time to write about the first big novel I have read this year...although I'm already 2 books ahead and otherwise I will loose track completely. As usual - and as I have read the book in German translation - I will write a short comprehension in english, but will discuss everything in German.
Stendhal a.k.a. Henri Beyle put the scenery of "Rouge et Noir" in the time of about 1830, the Bourbone restauration in France, and subtitled it as a chronicle of the 19th century - which was still young at his time. But, it was supposed to be a novel taking place right now...and not in the past. Julien Sorell, the unusual intelligent son of a simple wood cutter - at least as being a designated priest he could speak Latin and had an enormous memory that he showed when citing entire parts of the bible by heart (and in Latin) - got the job of a house teacher in the family of the local Mayor M. de Renal. He seduces Mdme. Renal - not really out of love, but more because of his ego - and to avoid a scandal he is forced to leave. He joins the priest seminar - which by the way is one of the most impressive written parts of the book - and finally succeeds in becoming the private secretary of Marquis de la Mole. The Marquis' daugther soon got an eye on Julien and finally - this really takes Julien some time and and also sophisticated strategies - they plan to marry because she became pregnat (by him...). Of course the Marquis is rather dissappointed about this misalliance. Then, he receives a letter written by Mdme. de Renal in which she warnes the Marquis de la Mole about Julien being an imposter, whose only goal is to make carreer out of seducing women in the families where he is put in. Julien also reads the letter and for revenge shoots Mdme. de Renal while she is attending at church. Although she recovers, Julien gets voluntarily adjudged and executed......

Die vorliegende neue deutsche Übersetzung von Stendhals Klassiker ""Rot und Schwarz" kann ich allen - egal ob Fan von französoscher Literatur des 19. Jahrhunderts oder nicht - nur wärmstens ans Herz legen. Das Buch ist überaus spannend und unterhaltsam geschrieben. Stendhals mitunter kurze und prägnante Art verzichtet auf ausschweifende Schilderungen der Schauplätze ohne jedoch das jeweils für diese typische außer Acht zu lassen. Üppig, intensiv und wohlüberlegt ausgefallen sind alle Dialoge. Man durchlebt die Höhen und Tiefen von Julien Sorells Dasein - auch wenn man seine Gefühle, seinen Antrieb heute nicht immer recht verstehen kann. Die französische Revolution, Napoleons Kaiserreich und die anschließende Restauration - auf die eine weitere Revolution folgen sollte - prägen das gesellschaftliche Bild, das Stendhal zeichnet. Der Karrierist und bürgerliche Emporkömmling wird ebenso scharf charakterisiert wie der alteingesessene Adel, der ewige Streit zwischen Jesuiten und Jansenisten verfolgt die Handlung wie das gerade im Entstehen begriffene Genre des Stutzers und modebewußten Dandytums. Und natürlich die Frauen...alle scheinen sie in Julien verliebt. Angefangen von der unscheinbaren Kammerzofe, über Mdme. de Renal, einer Kaffeehausangestellten, einer verwittweten Generalin, bis hin zur Marquise de la Mode...alle weiß Julien von sich einzunehmen...und zu enttäuschen.
Das Ende jedoch - laut Stendhal Bestandteil der dem Buch zugrundeliegenden wahren Begebenheit - bleibt mir rätselhaft. Wie bereits geschildert versucht Julien Mdme. de Renal in der Kirche zu ermorden und sieht danach, obwohl diese sich von ihren Verletzungen erholt und ihm vergibt, keinen anderen Ausweg, als sich dem Gericht zu überantworten und selbst auf seine Verurteilung zum Tode zu bestehen. Natürlich...nicht gerade ein 'Hollywood'-gerechtes Ende. Aber eindringlich und wirklich kurzweilig erzählt. Besonders hervorzuheben sind in dieser Ausgabe die vielen Zugaben. Neben einem ausführlichen Anhang mit Erklärungen und Anmerkungen Stendhals (die man im laufenden Text jeweils nachschlagen kann..) bietet die Ausgabe noch Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, sowie Stendhals eigene Rezension des Werkes. Also: Lesebefehl!

Sunday, January 07, 2007

Sam Bourne - Die Gerechten....


Etwas verspätet, aber bevor ich schon wieder das nächste Buch beendet habe, muss ich heute doch noch ein paar Worte über meine 'Feiertagslektüre', "Die Gerechten" von Sam Bourne verlieren:
Meine Erwartungen waren ja recht hoch gesteckt. Neugierig gemacht durch einen Beitrag der Kulturzeit wollte ich diesen als ungewöhnlichen Thriller angekündigten Roman unbedingt lesen. Will Monroe, ein junger Journalist der New York Times, deckt eine Spur ungewöhnlicher Morde auf, die erst auf dem zweiten Blick tatsächlich miteinander zusammenhängen. Er wird - zumindest bleibt er (und der Leser) zunächst in diesem Glauben - mit hineingezogen in eine jüdische-konservative (sic!) Weltverschwörung, deren Ziel in der Herbeiführung des Endes der Welt und im (damit erzwungenen) Erscheinen des langerwarteten Messias zu bestehen scheint. [ACHTUNG: SPOILER-WARNUNG] Fast bis zum Schluss wird man in diesem Glauben gelassen, aber 'natürlich' waren es dann doch irgendwelche sektiererischen, 'bibeltreuen' und erzkonservative Christen, die übrigens das gleiche Ziel verfolgen.[ENDE: SPOILER-WARNUNG]
Ehrlich gesagt, ich war enttäuscht. Nicht nur, dass der ganze Plott mehr als an den Haaren herbeigezogen scheint. Nein, eigentlich eher die mangelnde erzählerischen Qualitäten des Autors haben mich etwas verärgert. Die Personen werden stereotypisch (langweilig) und absolut vorhersehbar charakterisiert. Jeglicher Tiefgang - sei es der Vater-Sohn Konflikt der Hauptfigur, seine Beziehungsprobleme oder der Umgang mit seiner Ex-Freundin - erscheinen irgendwie vollkommen platt. Eigene Gedankengänge, die einem die Beweggründe der handelnden Personen näherbringen würden, fehlen fast völlig. Sicher, die Story enthält zahlreiche Cliffhanger und wird daher für eine Vielzahl der Leser spannende Lektüre bieten, aber der Handlungsfluss ist fast vollständig linear, einige Fragen bleiben ungeklärt, und die pseudo-wissenschaftlichen Herleitungen [ich sage nur: Kabbala und GPS...] verärgern den Leser eher als dass diese ihm ein Aha-Erlebnis bieten würden.

Fazit: Eine neue (alte) Verschwörungsgeschichte, die mit Endzeit-Phantasien, oberflächlich religiösen Vorurteilen und Kabbala-Techno-Babbel versucht, Boden gut zu machen, deren erzählerische Qualität meines Erachtens nach aber zu Wünschen übrig lässt...

P.S. Jedes neue Buch zum Thema Verschwörungstheorien muss sich gegen die zwei Meilensteine dieses Genres messen: Sear und Wilson's Illuminatus Trilogie (wenn schon, dann wenigstens absolut abgedreht....) oder man nimmt sich gleich den Großmeister Umberto Eco vor mit seinem Foucaultschen Pendel, in dem jegliche Verschwörungstheorien auf äußerst intelligente und lesenswerte Weise durchexerziert und ad absurdum geführt werden.

Saturday, December 30, 2006

Neal Stephenson - The Confusion (Vol. 2 of the Baroque Cycle)


I have finished 'Confusion' ... more than a thousand pages and what a story :)
As I have read the book in German, the short review will also be in German....

Ok, ich bin also durch. Erst einmal ganz dickes Lob an die beiden Übersetzer Nikolaus Stingl und Juliane Gräbener-Müller. Die schwer wiegenden 1000 Seiten kommen mit einer Leichtigkeit daher, die dieses Buch zu einem wahren Lesevergnügen werden lassen. Das Buch - eigentlich sind es ja streng genommen nach der Vorrede des Autors zwei - wartet mit zahlreichen Nebenhandlungen, erzählerischen Beschreibungen und Schnörkeln und abstrusen Handlungsverläufen auf, dass man es wahrhaft als 'barock' bezeichnen mag. Verquickt (confused) werden dabei zwei Haupthandlungsstränge - die Verschwörer (eigentlich Galeerensklaven) rund um Jack Shaftoe und ihrer Jagd nach Salomos Gold (das sie sich schnell wieder abjagen lassen) und ihrer merkantilen Expedition (-> Quecksilber) rund um den Globus....sowie die Geschichte um Eliza (mittlerweile Herzogin von Arcachon (sic!) und Qwghlm) und dem (historischen) Entstehen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und dessen Auswirkungen auf Wirtschaft und Politik (Confusion!) des damaligen Europas sowie Eliza's Rache an ihren ehemaligen (Duc d'Arcachon sr.) und aktuellen (von Hacklheber) Peinigern.
Etwas kurz geraten (im Gegensatz zum ersten Band 'Quicksilver') ist die Geschichte um Daniel Waterhouse (einschließlich Newton, Leibnitz, etc...), die Royal Society und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der damaligen Zeit. Dafür stehen in diesem Band die wirtschaftlichen Errungenschaften des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts im Mittelpunkt, wie z.B. das globale Agieren der Holländischen Ostindischen Handelsgesellschaft, Spaniens Plünderung der Neuen Welt oder das Entstehen des bargeldlosen Handels.

Was mir an Stephensons Romanen immer wieder gefällt sind seine Schilderungen vollkommen abstruser Situationen, in die mitunter wichtige Dialoge und Handlungen eingebettet werden, sei es die großmaßstäbliche (behelfsmäßige) Herstellung von Phosphor aus Urin im indischen Hinterland oder die Jagd nach einer Fledermaus im Esszimmer mit Hilfe des angerosteten Rapiers von Leibnitz.
Auf alle Fälle freue ich mich schon auf den letzten Teil der Trilogie, auf dessen Übersetzung wir wahrscheinlich noch ein gutes Jahr warten werden müssen...

Links: -> Clearing up the Confusion in wired news

Thursday, November 30, 2006

Literary Confusion according to Babel


As mentioned in a previous article, I decided also to write about (i.e. to review) the books I'm currently reading. I realized that my ability to express myself in English if it comes to the authoring of non scientific content is rather limited. Also I was thinking about whether it makes sense to write (in English) about books (written in German)...esp. if I want to address a German speaking audience (at least concerning the non-scientific content of this blog). Alas, the new beta-blogger allows the use of tags and thus, it will be possible to categorize articles (and to distinguish between content written in English or German). To make it short: from now on, book reviews for books of non-scientific content that are written in German will also be written in German. Everything else (including book reviews of books that I have read in English) will be written in English.
To all those who are also interested in those book reviews, you might consider to use babelfish for translation (although I have no idea about the result:)...

Als ich vor wenigen Wochen die ISWC besuchte, hatte ich mich ja bereits darüber beklagt, dass meine derzeitige Lektüre für das Handgepäck schlicht und einfach zu 'schwer' sei. Folglich stand ich vor dem Problem, was ich während der jeweils über 9 Stunden dauernden Flüge lesen sollte (natürlich habe ich währendessen auch geschlafen...so gut es eben ging...). Normalerweise lese ich nicht gerne mehrere Bücher parallel, und da ich es vermeiden wollte, nach meiner Reise mit zwei angefangenen Büchern dazustehen, entschied ich mich für Kurzgeschichten bzw. Erzählungen. Im Bücherschrank stand schon seit längerer Zeit ein kleines Bändchen mit Erzählungen von Thomas Mann, für das zu lesen ich bis dato noch nicht die Muse aufbringen konnte. Da es (zumindest gewichtstechnisch) den Anforderungen an meine Reiselektüre entsprach, durchlebte ich also während des Fluges die Welt von 'Tonio Kröger', schmeckte den Fluch des 'Wälsungenblutes' und machte mich als Hunden gegenüber völlig indifferenten Zeitgenossen mit den Abgründen der Beziehungen zwischen 'Herr und Hund' vertraut....

Also gut, vielleicht sollte ich damit beginnen zu erwähnen, dass ich im Deutschunterricht niemals mit den Werken von Thomas Mann als Lektüre Bekanntschaft schließen musste. Viele meiner Bekannter stöhnen bereits laut auf, sobald nur der Name 'Thomas Mann' fällt...sicherlich, da sich unliebsame, bereits verdrängte Erinnerungen an die Untiefen der im Schulunterricht bis zum Erbrechen interpretierten und analysierten Soap-Opera 'Buddenbrooks' ihren Weg zurück an die Oberfläche bahnten. Aber nicht bei mir. Die Buddenbrooks hatte ich das erste mal im 'zarten Alter' von knapp 30 Jahren vor mir. Ich dachte, "das reicht erst mal für die Weihnachtswoche", nur zog mich dieses Monstrum von einer Familiensaga derart in seinen Bann, dass ich es nach zweieinhalb Tagen (leise seufzend, da es 'schon' zu Ende war) wieder zurück ins Regal stellte. Allerdings kam neulich auf der Frankfurter Buchmesse während eines gemeinsamen Mitttagessens die Rede auf die wohl "am meisten überschätzten" deutschen Autoren. Nachdem ich meiner Nachbarin gegenüber mein Unverständnis ihrer Einschätzung, dass Fontane dabei ganz oben auf ihrer Liste stehe, zum Ausdruck brachte, fiel mir daraufhin der 'Der Zauberberg' und insbesondere der 'Doktor Faustus' ein. Ohne mich jetzt hier zu vertiefen sei mir kurz der Hinweis gestattet "Thomas Mann hätte sich in meinem Gedächtnis sicherlich einen besseren Ruf behalten, hätte er zumindest auf das Schreiben des Letzteren der beiden genannten Romane verzichtet...".

Tonio Kröger bietet dabei alle Höhen und Tiefen der Mann'schen Erzähltradition in kondensierter Form. Die relativ kurze Erzählung beginnt mit der Geschichte der Kindheit und des Heranwachsens Tonio Krögers in allerbesster kurzweiliger 'Buddenbrooks-Manier' und ergießt sich in der zweiten Hälfte in einer Introspektive (-> siehe Zauberberg) Tonios in seiner Rolle als Künstler (im Zwiegespräch und in Briefen an seine Künstlerfreundin Lisaweta). Im letzten Drittel unternimmt unser Held eine Reise zurück an die Stätten seiner Kindheit und beginnt zu begreifen, dass er als Künstler sehr wohl Teil der von ihm verächtlich abgelehnten 'Gesellschaft' ist und dass Gefühle einen Künstler nicht in seiner Arbeit hemmen, sondern gar bestimmen....(-> Wandlung siehe Doktor Faustus).
Fazit: Ein Kurztripp durch Thomas Manns Mikrokosmos, sehr zu empfehlen für alle, die in seine Welt mal 'kurz hineinschmecken' wollen, ohne das Wagniss eingehen zu müssen, sich einem der vorgenannten 'Monstren' zu stellen :)

Das Wälsungenblut ist da schon etwas anders gestrickt - auch wenn die eindrucksvoll plastische Schilderung dieser etwas kurios dekadenten Bankiersfamilie Aarenhold stellenweise an die Addams-Family erinnert.... Thomas Mann karikiert dabei den schwülstige Pathos der Opern-Atmosphäre Richard Wagners - hier ganz speziell die der Walküre. Geschildert wird die inzestiöse Liebe des Wälsungen-Geschwisterpaares Siegmund und Sieglinde, wobei es Mann gelingt, eine durch Liebe zum Detail perfekte Inszenierung abzuliefern, die vom Kunstgenuss des Opernzitats mit Kognak-Kirsche bis hin zum Liebesreigen auf dem Bärenfell (-> siehe Wagners Walküre) reicht.
Fazit: ein kurzweiliges Stück skuriler Prosa, in dem sich Thomas Mann als Meister der pointierten Schilderung und 'Anti-Wagnerianer' erweist...