Wednesday, September 05, 2007

Podcast University Tagung in Osnabrück, 05. September 2007


Heute werde ich von der Podcast University aus Osnabrück LIVE berichten (zudem gibt es hier auch ein Blog zur Tagung).

Podcasts sind ja schon seit einigen Jahren in aller Munde. Aber Podcasts in der universitären Lehre (....oder eben 'Leere')? Zugegeben, aus Dozentensicht (insofern dieser sich versucht in die Lage des Studenten zu versetzen) eine geniale Idee. Die Vorlesung -- ungebunden von Raum und Zeit -- nacherleben, auch wenn man diese (auch welchen Gründen auch immer) verpasst haben sollte. Klingt prima. Aber.....wird es denn auch entsprechend genutzt? Oder laden sich die Studenten vielmehr die Vorlesungsaufzeichnungen vom Rechner und glauben (in Anlehnung an die Metapher mit dem Lehrbuch unter dem Kopfkissen), insofern diese sich erst einmal auf dem lokalen Verzeichnis des heimischen Rechners befinden, dann ist das ja schon die 'halbe Miete'. (Ich erwähnte ja schon in einem früheren Artikel, dass es noch keine wirklich aussagekräftige und valide Evaluation zum Thema Tele-Lecturing gibt). Nun denn, wollen wir mal hören, was die Experten heute dazu zu sagen haben...


  • Harald Selke (Universität Paderborn): Was gibt es neues? Einige Überlegungen zu Podcasts in der Lehre.
    Hier ging es um einen Bericht über den Einsatz von Podcasts in einer Grundstudiumsveranstaltung für Medienwissenschaftler, der Aufwand bei der Vor-/Nachbearbeitung, der Distribution und der Rezeption. Der Punkt Rezeption war natürlich (siehe oben) besonders interessant für mich, aber die zu Grunde liegende Daten-/Nutzerbasis leider entsprechend mager.

    Ein interessanter Punkt, der in der anschließenden Diskussion aufkam, drehte sich um den Effekt, dass Audio-Podcasts von Vorlesungen bei der Rezeption oftmals schnell langweilig und langatmig wirken (obwohl die Live-Veranstaltung im Gegenteil oft als interessant und lebhaft wahrgenomen wurde). Um die zugegebermassen 'magere' Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer zu bedienen, werden Audio-Podcasts hier auf 5-10 Minuten jeweils begrenzt, d.h. die zu grundeliegende Vorlesung wird in entsprechende Segmente (thematisch) unterteilt. Eine Verknüpfung (und Synchronisation) mit dem Vorlesungsskript (Handout/Transskript) ermöglicht dazu noch die Bereitstellung sogenannter 'Teaser' und 'Schlagzeilen', die auch kontextbasiert aus dem Podcast herausgelöst werden können (und dadurch weniger Zeit in Anspruch nehmen). Eine andere Lösung besteht darin, ein synchronisiertes Videobild mit anzubieten (...das den Zuhörer/Zuschauer entsprechend bei Laune halten soll).

  • Clemens Westerkamp (Fachhochschule Osnabrück): Mehr Flexibilität durch Podcast-Angebote
    'Hausgemachtes' Podcasting, Einsatzerfahrungen, technische Vor-/Nachbereitung von Podcast-Aufzeichnungen, gesammelt aus Sicht eines 'Anwenders'...Allerdings bezeichnet hier der Begriff 'Anwender' nicht den Podcast-Konsumenten, sondern den 'nicht-professionellen' Produzenten.

  • Rolf Kretschmann (Universität Stuttgart): Einsatzszenario Einführungsvorlesung "Grundlagen der Sportpädagogik und Sportdidaktik"
    Ebenfalls wieder ein Vortrag zum Thema 'Einsatzerfahrungen' in einem beschränkten Szenario (Grundlagen der Sportpädagogik) inklusive Evaluations(vorhaben), das entsprechend wieder nur selektive Aussagekraft besitzt.

  • Grit Matthias (Friedrich-Schiller-Universität Jena): Einsatzszenario im Fremdsprachenunterricht
    Im Rahmen eines Sprachkurses für Deutschlernende sollten die Teilnehmer Audio-Podcasts selbst produzieren. Eine 'Podcast-Werkstatt' mit dem Zweck, die kommunikativen Fähigkeiten sowie die Medienkompetenz der Lernenden zu fördern. Beispiele zu den von den Teilnehmern produzierten Podcasts sind hier zu finden.

  • Ralph Müller (Universität Frankfurt): Quo vadis Unicast?
    ...Leider hält der Vortrag nicht ganz, was das Abstract aus dem Tagungsprogramm verspricht (Achtung: 'Unicast' ist hier nicht 'Unicast im technischen Sinne einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung' sondern ein Neologismus aus 'Universität' und 'Podcast' . Daher hier meine eigenen Gedanken zum Thema:

    Können Podcasts überhaupt den Ansprüchen der universitären Lehre genügen??
    Interessante Fragestellung. Meiner Meinung nach treffen hier (aber) zwei Welten aufeinander bzw. werden Äpfel mit Birnen verglichen. Interessante, unterhaltsam und professionell produzierte Podcasts stehen sicher im Widerspruch zur einfachen Aufzeichnung universitärer Lehrveranstaltungen. Zum einen vergleicht man hier elaborierte Studioproduktionen (Podcast), produziert zu einem ganz bestimmten Zweck und für ein 'Zielpublikum' mit Live-Events (universitäre Lehrveranstaltung, Zielpublikum sind Präsenzstudenten). Die Diskussion aus dem ersten Beitrag des Tages, warum (Audio-)Aufzeichnungen schnell langweilig und langatmig wirken (und das Live-Event nicht), liegt ganz einfach in der Natur der Sache. In der (Live)-Vorlesung wird der Inhalt (neudeutsch 'Content') für die Präsenzteilnehmer produziert. Das Charisma des Dozenten (und seine Interaktion mit den Studenten) kann in einer Aufzeichnung immer nur sehr schwer eingefangen werden. Zudem -- sucht ein Student Informationen zu einem ganz bestimmten Thema -- ist er mit einem 90 minütigen Exkurs, der das eigentlich (für den Suchenden) relevante Thema nur am Rande berührt, schlicht überfordert. Das (manuelle) Heraussuchen der relevanten Stellen bleibt mühsam.

    Eine Lösung besteht in der aufwändigen Nachbearbeitung der Podcasts: Segmentierung in möglichst kurze, thematisch fokusierte Abschnitte (leider nicht immer möglich). Was aber wäre, wenn die 90-Minuten-Datei inhaltsbezogen (automatisch) durchsuchbar wäre? Dazu muss entweder eine Transkribierung des Vortrags stattfinden bzw. eine Synchronisation des Vortrags mit zugehörigen Materialien, aus denen die inhaltlich wichtigsten Schlagworte indiziert werden können. Um bei der Web2.0-Metapher zu bleiben: warum nicht Audio-Podcasts von Live-Lehrveranstaltungen (temporär) taggen? ... und hier wären wir schon wieder einmal bei OSOTIS......


Zum Mittagessen ging es in die (laut Organisator 'innerhalb eines Wettbewerbs aller deutschen Mensen ausgezeichnete') Mensa....aber heute schien das nicht ganz der Tag der Osnabrücker Mensa gewesen zu sein....(mehr dazu in Kürze im Küchenschreck).

  • Andreas Groß (HPI Potsdam): tele-TASK -- Das komfortable Überall-Lernen
    Das tele-Task System zur Aufzeichnung und LiveStreaming von Lehrveranstaltungen wurde um eine Podcast-Komponente erweitert, d.h. die ursprünglich über SMIL synchronisierten einzelnen Video-Datenströme (Dozent + Desktop) werden in einen einzelnes h.264-File transkodiert (ohne zusätzlichen manuellen Aufwand), um auch auf portablen Abspielgeräten (wie z.B. natürlich dem iPod) wiedergegeben zu werden.

  • Markus Ketterl (Universität Osnabrück): virtPresenter/lernfunk
    Ähnlich wie das im vorangegangenen Vortrag vorgestellte tele-Task System handelt es sich bei virtPresenter um ein Flash-basiertes Vorlesungsaufzeichnungssystem (während tele-Task neben der vorgestellten h264-Lösung nur das RealMedia-Format unterstützt). Mit virtPresenter aufgezeichnete Vorlesungsveranstaltungen werden automatisch in das Stud.IP Kursmanagementsystem der Universität Osnabrück eingetragen und zusätzlich über das Portal lernfunk.de zur Verfügung gestellt.
    Interessanter Aspekt, der am Ende des Vortrags aufgegriffen wurde: "Videos ins Netz stellen ist nichts neues.....nur heisst das jetzt 'Podcast'...". Die Frage ist (a) was bringt es tatsächlich den Lernenden und (b) was bringt es den Dozenten? Wenn Vorlesungsaufzeichnungen über ein Portal aggregiert werden, wie kann dann eine Bindung zur jeweiligen Hochschule gewährleistet werden? Eine Möglichkeit besteht z.B. darin, Video-Trailer zu den einzelnen Hochschulen oder aber auch zu den Dozenten selbst zu produzieren, an die die jeweils aufgerufene Vorlesungsaufzeichnung angehängt werden.

  • Bianca Drefahl, Uwe Pirr (Humboldt-Universität Berlin): Humboldt-Podcampus
    Der Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität Berlin baut im Projekt 'Humboldt-Podcampus' einen universitätsweiten, komfortabel und möglichst einfach zu bedienenden Podcast-Dienst auf, der in bestehende Lernmanagementsysteme (Moodle) integriert wird.

  • Jörg Waitelonis (Friedrich-Schiller-Universität Jena): OSOTIS - Web 2.0 Plattform zum Arbeiten mit Vorlesungsaufzeichnungen
    Jörg schlägt zur Einführung den Bogen von den Anfängen der Universität (im Mittelalter) zu modernen Lösungen des tele-teaching und distance-lerning, geht danach auf die Problematik der automatischen und kollaborativen Annotation von Vorlesungsaufzeichnungen ein, um schließlich OSOTIS als 'Vorlesungs-Suchmaschine' detailliert vorzustellen. Über OSOTIS wurde in diesem Blog ja schon öfter berichtet, daher brauche ich an dieser Stelle ja nicht weiter auszuholen...

  • Olaf Schulte (ETH Zürich): Jenseits des Hype - Vom Podcast zum Multimedia-Portal
    Wieder das Thema 'Podcasting vs. universitäre Lehre'. Nach einer kurzen (allgemeinen) Vorstellung der Multimedia-Services an der ETH Zürich wird das Multimedia-Portal REPLAY thematisiert. Unter REPLAY werden sämtliche Phasen der Erstellung, Distribution und Rezeption der Aufzeichnung von universitären Veranstaltungen integriert und dabei weitgehend von vollautomatischen Werkzeugen unterstützt.

    Zu meiner persönlichen Freude nahm Olaf am Ende seines Vortrags das zu Anfang zitierte Thema wieder auf, indem er sprichwörtlich den Finger in die offene Wunde legte und die 'negativen' Tendenzen, die mit dem Hype um den Begriff 'Podcast' einhergehen, aufgriff. Dieser Hype betrifft ja ansich eine nicht gerade 'neuzeitliche' Technologie. Früher galten 'Freaks', die sich mit Mikrofon vor ihr Tonbandgerät setzten, um eine 'private' Radiosendung zu produzieren zwar als als 'harmlose Zeitgenossen' aber eben doch als Freaks...und mit der Tonbandaufzeichnung einer universitären Lehrveranstaltung konnte man keinen großen Staat machen. Unter dem Begriff 'Podcast' allerdings gelten Audio-Aufzeichnungen wieder als en-vogue. Apple besitzt durch sein den Namen spendende Produkt die absolute Diskussionshoheit zum Thema. Der Hype treibt skurile, aber auch (personell) Ressourcen-intensive Blüten. Allerdings bleiben dabei didaktische Aspekte -- ebenso wie Aspekte der Recherchierbarkeit und Archivierbarkeit -- oft auf der Strecke. Anstelle 'wild' darauf los zu produzieren sollte man sich vielmehr vorher Gedanken darum machen, wie dieses Medium didaktisch am geeignetsten eingesetzt werden könnte. Zudem sollte es Mindestansprüche bzgl. der Aufzeichnungs- und Produktionsqualität geben. Obwohl der Web2.0-Grundgedanke prinzipiell jedem die Möglichkeit gibt, zum Informationsproduzenten aufzusteigen, sollte zumindest bei der universitären Lehre auf qualitative Mindestanforderungen geachtet werden!

  • Martina Welte (Universität Freiburg): Erfahrungen mit dem Einsatz von Podcasts in der Lehre am Institut für Informatik der Universität Freiburg
    Wie der Titel schon sagt, wieder ein Erfahrungsbericht, diesmal aus Freiburg. Dabei ausführlicher und technisch fundiert...aber bei all diesen Erfahrungsberichten komme ich mir langsam vor wie in einer Selbsterfahrungsgruppe.....

  • Oliver Vornberger (Universität Osnabrück):Vorlesung "Algorithmen" als Video-Podcast im Apple iTunes Store
    Wieder ein Erfahrungsbericht....diesmal im Zusammenhang mit Apple iTunes und dazu erfrischend 'vorgetragen' (die Unterhaltungsqualität des Vortrags erreichte in der zweiten Hälfte gar ungeahnte Höhepunkte....kein Wunder, dass die 'Pooodcasts' von Herrn Prof. Vornberger so populär sind!!). Anscheinend - und von derselben 'Erfahrung' wurde auch schon vom Vorredner berichtet - erhöht das Einstellen einer aufgezeichneten Vorlesungsveranstaltung bei Apple iTunes (im Gegensatz zum einfachen Link auf der Homepage des Dozenten oder der Portalseite der Universität) deren Attraktivität schlagartig. Ob allerdings ein erfolgreicher Download mit einem 'erfolgreichen Vorlesungsbesuch' gleichgesetzt werden kann, das möchte ich bezweifeln. Ebenso die Ausführungen zur 'Ernsthaftigkeit' der Nutzung dieses Downloads...


Damit endet meine Teilnahme an der Podcast University in Osnabrück. Der zweiten Tag mit den Workshops zur Podcast-Produktion bzw. zum Mikrofonsprechen waren für mich weniger interessant. Zudem wartet in Potsdam eine Menge Arbeit auf mich.

Mein Fazit zur Veranstaltung: Eine gute Gelegenheit, sich (OSOTIS) etwas bekannter zu machen. Allerdings darf ein derartiger Workshop nicht (mehr) zur 'Selbsterfahrungsgruppe' auswachsen. Selbst wenn das Thema Podcasts relativ neu sein sollte, Aufzeichnungen von Vorlesungen gibt es schon lange und haben mittlerweile (zumindest sollten sie das) eine entsprechende technische Reife erlangt, so dass es nicht unbedingt mehr interessant erscheint, die 35. 'Erfolgsstory' anzuhören, wie ein Dozent seine Lehrveranstaltung mit hausgemachten Behelfswerkzeugen (a la McGuiver) als Aufzeichnung ins WWW stellt....

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